Schultüte oder Zuckertüte? Eine DACH-weite Begriffsgeografie
Wer im Süden geboren wurde, sagt »Schultüte«. Wer im Osten geboren wurde, sagt »Zuckertüte«. Eine kartografische Übersicht über die Sprachgrenze, die quer durch den deutschsprachigen Schulanfang verläuft.
Es gibt im deutschsprachigen Raum eine sprachliche Trennlinie, die die meisten Menschen kennen, aber die kaum jemand präzise verorten kann: die Grenze zwischen „Schultüte” und „Zuckertüte”. Wer in Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt oder im südlichen Brandenburg aufgewachsen ist, sagt mit fast vollständiger Sicherheit „Zuckertüte”. Wer in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz, im Saarland, in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg oder Bremen aufgewachsen ist, sagt fast immer „Schultüte”. Die mitteldeutsche Linie zwischen beiden Begriffen verläuft ungefähr entlang der ehemaligen DDR-Grenze, aber nicht deckungsgleich — sie ist älter als die deutsche Teilung und überlebt sie unverändert.
Die Erklärung für diese Geografie liegt im Ursprung. Wie im Historie-Beitrag dieses Heftes nachgezeichnet, entstand der Brauch im frühen 19. Jahrhundert im sächsisch-thüringischen Raum, und der dort gebräuchliche Begriff war von Anfang an „Zuckertüte” — wegen des Zuckerwerks, das die ursprünglichen Tüten überwiegend enthielten. Als der Brauch im späteren 19. und frühen 20. Jahrhundert nach Westen und Norden ausstrahlte, wurde der Inhalt allmählich diverser (Bücher, Schreibutensilien, Spielzeug traten neben das Zuckerwerk), und in den neu adaptierenden Regionen setzte sich der funktional offenere Begriff „Schultüte” durch. Wer den Brauch im Originalmilieu kennt, behält die ursprüngliche Bezeichnung; wer ihn aus der Distanz übernimmt, beschreibt ihn nach Funktion.
Österreich ist ein Sonderfall. Die österreichische Standardbezeichnung ist „Schultüte”, obwohl der Brauch von Sachsen her — über das Sudetenland und das alte Reichsgebiet — eingewandert ist. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass die österreichische Übernahme erst nach 1900 stattfand, als der Begriff „Schultüte” in den westdeutschen Adaptionsräumen bereits etabliert war und Österreich seine Variante nicht aus Sachsen, sondern aus Bayern oder Westböhmen importierte. In Wien ist „Zuckertüte” als Wort nicht unbekannt, gilt aber als bewusst nostalgische Variante; im Salzburger und Tiroler Raum ist „Schultüte” durchweg Standard. Vorarlberg, sprachlich an die alemannische Schweiz angelehnt, kennt beide Begriffe in seltener Konkurrenz.
Die Schweiz schließlich ist die DACH-Sonderzone, in der der Brauch insgesamt schwächer verankert ist. In der Deutschschweiz wird der Schulanfang traditionell nicht mit einer Zuckertüte begangen — der Brauch gilt als „aus dem Norden kommend” und wird seit den 1990er Jahren als kommerzieller Import diskutiert, besonders in ländlichen Kantonen. Wo die Tüte in der Schweiz vorkommt, heißt sie „Schultüte” (mit alemannischer Diphthongierung „Schueltüete”), und zwar in den nördlichen Kantonen Schaffhausen, Thurgau, St. Gallen sowie in größeren Städten wie Zürich und Basel. In der Romandie und im Tessin ist der Brauch unbekannt; die Erstklass-Inszenierung läuft dort über andere Rituale (in der Romandie die „rentrée scolaire” mit kleinen Schulkollegen-Geschenken, im Tessin die „prima campanella” als Schulglocken-Zeremonie).
Eine genaue Mikrogeografie der Sprachgrenze in Deutschland ist schwer zu zeichnen, weil sie nicht entlang von Bundesländer- oder Regierungsbezirks-Grenzen verläuft. Im Harz etwa wechselt der Begriff von „Zuckertüte” (Ostharz) zu „Schultüte” (Westharz) auf einer Distanz von etwa fünfzehn Kilometern. Im hessisch-thüringischen Grenzgebiet um Eisenach und Bad Hersfeld ist die Übergangszone unschärfer — Familien mittlerer Bildungsschichten neigen dort zu „Zuckertüte” als der „historisch korrekten” Variante, während die alltägliche Sprachpraxis im hessischen Teil eher zu „Schultüte” tendiert. Solche Übergangsbänder lassen sich nur durch lokale Schulchronik-Auswertung präzisieren — wir bereiten eine entsprechende Erhebung für das nächste Heft vor.
Was die Sache zusätzlich verkompliziert: Innerhalb der Familien wandern die Begriffe mit. Eine sächsische Großmutter, die nach Hamburg zieht, sagt zur Einschulung ihres Enkels in der Regel weiter „Zuckertüte” — die Hamburger Schwiegertochter sagt „Schultüte”, und der Enkel selbst übernimmt meist die Begrifflichkeit seiner Schul- und Spielkameraden, also „Schultüte”. So entstehen innerfamiliäre Doppel-Bezeichnungen, die in den biografischen Erinnerungstexten des 20. Jahrhunderts regelmäßig dokumentiert sind. Wer einmal genau hinhört, findet die Sprachgeschichte des deutschen Schulanfangs im Familiengespräch.
Für die laufende Publikation halten wir es bei „Zuckertüte” als Standardbegriff — historisch korrekt, regional dort verankert, wo der Brauch entstanden ist, und auch im Domainnamen so geführt. Wer „Schultüte” gewohnt ist, möge die Differenz als das lesen, was sie ist: nicht falsch, sondern eine spätere Form derselben Sache, geprägt von der Geografie der Adaption. Beide Wörter bezeichnen denselben Brauch — und sind doch nicht ganz das Gleiche.