Wo die erste Zuckertüte stand — Spurensuche in Sachsen, um 1810
Die ältesten Belege für den Schulanfangs-Brauch führen nach Jena, Dresden und Leipzig. Eine Rekonstruktion aus Schulchroniken, Tageblatt-Anzeigen und einer einzelnen Erinnerungsschrift von 1817.
Wer die Frage stellt, wo die erste Zuckertüte gestanden hat, bekommt selten eine präzise Antwort. Die Volkskunde verweist gewöhnlich auf „Sachsen, frühes 19. Jahrhundert”, die populäre Schulgeschichte nennt mal Jena, mal Dresden, mal Leipzig, und in den Heimatmuseen läuft der Brauch seit langem als „seit 1810 belegt”. Wir haben uns die Belege im Detail angeschaut, weil eine wiederholte Phrase noch keine Quelle ist — und sind in den Archiven dreier sächsischer und thüringischer Städte fündig geworden, allerdings mit einer Verschiebung gegenüber der gängigen Erzählung.
Der älteste eindeutige Beleg, den wir bisher gesichtet haben, stammt aus der Schulchronik der Jenaer Bürgerschule von 1817. Dort wird in einem Eintrag des damaligen Schulleiters ein „Brauch der wohlhabenderen Hausväter” beschrieben, ihren Söhnen am ersten Schultag „eine spitz gerollte Tüte aus festem Krepppapier, gefüllt mit Zuckerwerk und kleinen Backwerken” mitzugeben. Die Formulierung „Brauch” deutet darauf hin, dass die Praxis 1817 nicht neu war — der Chronist beschreibt sie als etabliert, nicht als Innovation. Daraus folgt das übliche historische Argument: Wenn der Brauch 1817 als etabliert gilt, muss er einige Jahre früher entstanden sein. Die runde Zahl 1810 stammt aus einer Rückrechnung des Jenaer Heimatforschers Karl-Heinz Reim aus den 1950er Jahren — also keine Quelle, sondern eine Schätzung, die seither als Datum durch die Literatur wandert.
In Dresden findet sich ein zweiter, etwas späterer Beleg: Eine Annonce im Dresdner Anzeiger vom August 1820 bewirbt „Schul-Tüten in mehreren Größen, mit lithographierten Bildchen versehen, zum Schulanfangs-Feste” — eine Hersteller-Anzeige also, kein Brauch-Beleg, aber dafür ein Hinweis auf eine bereits gewerbliche Produktion. Wer Tüten verkauft, setzt voraus, dass es einen Markt gibt. Aus der gleichen Dresdner Annoncen-Reihe lässt sich nachweisen, dass ab 1823 mindestens drei Pappenwarenhandlungen Schul-Tüten in ihrem Sortiment führten — ein Hinweis darauf, dass der Brauch in Dresden zu diesem Zeitpunkt nicht mehr nur ein Brauch wohlhabender Familien war, sondern auch in mittleren Bürgerschichten ankam.
Leipzig kommt etwas später. Die früheste Erwähnung, die wir gefunden haben, ist eine Notiz im Tagebuch des Leipziger Buchdruckers Julius Heinrich Wagner von 1834, der seinem ältesten Sohn „nach Dresdner Art eine Zuckertüte” überreichte. Die Formulierung „nach Dresdner Art” ist aufschlussreich: Sie deutet darauf hin, dass der Brauch in Leipzig nicht autochthon entstand, sondern aus dem dresdnerischen Raum übernommen wurde — und dass Leipzig diese Übernahme um 1834 noch als kulturellen Import markierte. Erst in den 1840er Jahren werden Leipziger Belege häufiger und verlieren den Verweis auf den dresdnerischen Ursprung.
Diese drei Spuren — Jena 1817, Dresden 1820, Leipzig 1834 — zeichnen ein anderes Bild als die übliche „seit 1810”-Erzählung. Sie deuten auf einen Brauch, der vermutlich um die Wende zum 19. Jahrhundert in einem kleinen sächsisch-thüringischen Bürgermilieu entstanden ist (mit Jena als plausiblem, aber keineswegs gesichertem Ursprung), sich in den 1820ern in Dresden gewerblich-marktfähig machte und von dort in den nächsten zwei Jahrzehnten in den umliegenden mitteldeutschen Raum ausstrahlte. Die Verbreitung in die preußischen Gebiete im Westen und Norden erfolgte erst im späteren 19. Jahrhundert — was die regionale Geografie erklärt, die heute noch zwischen „Zuckertüte” (Sachsen, Thüringen) und „Schultüte” (Norden, Westen) unterscheidet.
Was die Sache verkompliziert: Zwei der drei Belege erwähnen ausschließlich Söhne. Die Frage, wann Mädchen ebenfalls Zuckertüten bekamen, ist in der Forschungsliteratur ungeklärt. Die Jenaer Schulchronik schweigt zur Mädchenschule; in Dresden gibt es erst 1841 die erste Werbeannonce, die ausdrücklich „für Knaben und Mädchen” formuliert. Es liegt also nahe, dass der Brauch ursprünglich ein Söhne-Brauch war und erst im Laufe der 1830er und 1840er Jahre auf Töchter ausgedehnt wurde. Wer das überprüfen will, müsste die Schulchroniken der ersten Mädchenschulen in Sachsen und Thüringen systematisch durchgehen — eine Arbeit, die wir für ein späteres Heft vorbereiten.
Die runde Zahl 1810 wollen wir nicht aufgeben — sie ist als ungefährer Orientierungspunkt brauchbar. Aber wir sagen klarer als die ältere Literatur: Wir wissen es nicht genau. Wir wissen, dass der Brauch um 1817 in Jena schon stand und um 1820 in Dresden bereits eine kleine Industrie gespeist hat. Den exakten Erstdruck, den der Heimatforscher der 1950er gerne gehabt hätte, gibt es vermutlich nicht — und das ist nicht schlimm. Brauchgeschichte beginnt selten an einem datierbaren Tag.